Frithjof Haas
"Wer gelitten hat, hat das Recht frei zu sein."
Hermann Levi zum 100. Todestag am 13. Mai 2000
Vortrag, gehalten anlässlich der Gedenkveranstaltung im Richard-Strauss-Institut Garmisch-Partenkirchen
Heute vor 100 Jahren verstarb im vollendeten 60. Lebensjahr der Partenkirchner Ehrenbürger Hermann Levi. Ein Vierteljahrhundert hatte der
Königlich Bayerische Hofkapellmeister das Musikleben von München geprägt. Als herausragender Repräsentant deutschen kulturellen
Lebens im 19. Jahrhundert genoss er in der europäischen Musikwelt eine hohe Reputation. In Partenkirchen, wo er im Haus Riedberg die letzten Jahre
seines Lebens verbrachte, verfasste er einen Goethe-Kalender mit 365 Zitaten für das Jahr 1900. Schlägt man das Cosima Wagner gewidmete
Büchlein auf, findet man unter dem 18. Januar ein Zitat aus Wilhelm Meister: "Wer gelitten hat, hat das Recht frei zu sein." Diesen von ihm
selbst ausgewählten Goethesatz möchte ich als Motto über das Leben und Wirken des bedeutenden Dirigenten stellen: ein Leben, das
neben triumphalen Erfolgen auch bittere Erfahrungen und schmerzliche Leiden beschert hat, aber am Ende mit einer Existenz in Freiheit, in der herrlichen
Weite der alpinen Gebirgslandschaft beschenkt wurde.
In der musikalischen Eröffnung waren zwei Lieder nach Goethes Gedicht Dämmrung senkte sich von oben zu hören, zuerst
in der Vertonung von Levi, anschließend in der Version von Brahms. Ich wiederhole noch einmal die wunderbaren Schlussworte:
"Durch bewegter Schatten Spiele
Zittert Lunas Zauberschein,
Und durchs Auge schleicht die Kühle
Sänftigend ins Herz hinein."
Bei Brahms wird die weitgespannte Melodie durch akkordische Begleitung getragen, während bei Levi eine transparente Sechzehntel-Bewegung
des Klaviers einen duftig zarten Schleier über das abendliche Geschehen breitet. Beide Kompositionen sind von hoher Qualität. Man könnte sich
kaum entscheiden, welcher von beiden man den Vorrang geben sollte, der Vertonung des Komponisten Brahms oder der des Dirigenten Levi. - Wie kam es zu
dieser zweifachen Vertonung? Der Karlsruher Hofkapellmeister Levi hatte der Freundin Clara Schumann im nahen Baden-Baden anlässlich ihres
49. Geburtstages am 13. September 1868 sein Goethe-Lied dediziert. Hiervon hatte Brahms erfahren und bei einem geselligen Abend im Hause
Karlsruher Musikfreunde bat er Levi, seine neue Liedkomposition vorzuführen. Die Noten waren nicht greifbar, und so schrieb Levi aus dem Gedächtnis
Melodie und Text auf ein Stück Papier; eine anwesende Sängerin sang das Lied vom Blatt, Levi begleitete auswendig. Brahms steckte am Ende des
Abends das Notenblatt heimlich ein und schickte es drei Tage später mit einer eigenen Komposition zurück. An einer Stelle hatte er Levis
Melodieführung zitiert, offensichtlich eine heimliche Sympathie-Erklärung für den guten Freund. Ausgerechnet diese wenigen Noten
änderte Levi bei einer späteren Veröffentlichung seiner Komposition, wohl um zu verschleiern, er habe von Brahms, oder gar Brahms
habe von ihm abgeschrieben: dies ein Zeichen demütiger Bescheidenheit gegenüber dem Genius Brahms. Dass Brahms von Levi
abgeschrieben hatte, das konnte erst 130 Jahre später herausgefunden werden, wie ich in meiner Levi-Biographie vor einigen Jahren nachgewiesen
habe. Allzu bescheiden war Levi bezüglich des eigenen Schaffens. Nur ganz wenige Jugendwerke publizierte er, die meisten eigenen Kompositionen
vernichtete der Dreißigjährige in einem großen Autodafé, weil seinem an Wagner und Brahms gewachsenen Anspruch das eigene Werk
nicht mehr genügte.
Wer war dieser vor 100 Jahren verstorbene, heute fast vergessene Dirigent Hermann Levi? Lohnt das Erinnern an den hiesigen Ehrenbürger?
Inwieweit ist seine Existenz auch über das Lokale hinaus für die Gegenwart von Bedeutung?
Der 1839 Geborene wuchs als Sohn des hessischen Landesrabbiners Dr. Benedikt Levi in Gießen auf. Durch 14 Generationen waren die Vorväter
angesehene Rabbiner in Prag, Augsburg, Mainz und Worms gewesen, was als verpflichtende Familientradition hochgehalten wurde. Die Mutter aus der kultivierten
Mannheim-Mainzer Familie der Mayer-Ladenburgs war musikalisch und spielte gut Klavier. Sie gab dem fünfjährigen Hermann den ersten Musikunterricht.
Im Gießener Elternhaus wurde die musikalische und literarische Klassik gepflegt. Man las Goethe, Schiller und Lessing, spielte Musik von Bach, Mozart und
Beethoven. Religiös vertrat man ein liberales Judentum. Schon der Großvater hatte sich beim Sanhedrin unter Napoleon in Paris dafür eingesetzt,
dass Juden trotz Beibehaltung ihres religiösen Kultes als vollgültige Bürger ihres Landes anerkannt werden sollten. Was durch Napoleon in den
linksrheinischen Gebieten verfügt wurde, sollte sich auch auf der deutschen Seite durchsetzen. Seit Beginn des 19. Jahrhunderts konnten jüdische
Kinder deutsche Schulen, bald auch die Hochschulen besuchen und ab der Jahrhundertmitte Positionen im öffentlichen Leben einnehmen. In der liberalen
Gießener Synagoge wurde für den Landesherrn gebetet. Man sang deutschsprachige Lieder zur Orgelbegleitung, was vom Rabbiner Levi in einer
gedruckten Publikation für alle jüdischen Gemeinden propagiert wurde. Die Eltern Levi fühlten sich als vollgültige deutsche Bürger
und gaben den vier Kindern traditionelle deutsche Namen: Wilhelm, Emma, Hermann, Auguste. Der musikalisch hochbegabte Hermann spielte schon als Kind in
der Synagoge die Orgel. Mit sieben Jahren trat er erstmals öffentlich mit einem Klavierkonzert von Mozart auf. Nachdem die Eltern sich entschlossen hatten,
ihn den Musikerberuf ergreifen zu lassen - der Bruder wurde Sänger -, sollte er die bestmögliche Ausbildung erhalten: nach einer Art Lehrzeit bei
Hofkapellmeister Vinzenz Lachner in Mannheim absolvierte er ein Musikstudium an dem damals best renommierten Konservatorium in Leipzig. Hier trafen sich
die begabtesten jungen Musiker aus Europa. Bezeichnenderweise schloss sich der Student Levi hier nicht der traditionellen Richtung von Mendelssohn an,
sondern der fortschrittlichen Gruppe, die sich an Robert Schumann orientierte. Als Levi nach dem Examen noch ein Jahr in Paris frei weiterstudieren konnte,
interessierte er sich für den hier wenig populären Hector Berlioz, dessen Werke der arrivierte Dirigent später als einer der ersten im deutschen
Musikleben durchsetzte. Mit 20 Jahren wurde Levi als Musikdirektor nach Saarbrücken engagiert. In der Provinzstadt bewegte er mit jugendlichem Elan
Erstaunliches. Zwei Jahre später wurde er zum Kapellmeister der deutschen Oper in Rotterdam berufen. Hier konnte er anspruchsvolle Opern einstudieren,
darunter auch Richard Wagners Lohengrin. In jugendlicher Begeisterung wollte er den Komponisten als Gastdirigent engagieren, was zum Glück misslang.
Denn Wagner wäre sicher entrüstet gewesen, hätte er festgestellt, dass der ehrgeizige junge Kapellmeister wegen der begrenzten Rotterdamer
Möglichkeiten die Partitur für eine verkleinerte Bläserbesetzung arrangiert hatte.
Als Levi mit 25 Jahren an das Badische Hoftheater verpflichtet wurde, hatte er das Glück, bei einem kunstliebenden Großherzog tätig zu sein,
der sich ein erstklassiges Schauspiel- und Operntheater leistete. Zudem kam es Levi zugute, dass der liberale Regent, wie man in einer damaligen Äußerung
lesen konnte, "keinen Unterschied zwischen Christ und Jude" machte. - Am großherzoglichen Badischen Hoftheater in Karlsruhe konnte sich Levi als
Leiter der Sinfoniekonzerte und eines großen Opernrepertoires zu einem überlegenen Orchesterleiter entwickeln, die Voraussetzungen für eine
internationale Karriere erwerben. Die acht Karlsruher Jahre waren geprägt durch die sich hier entwickelnden innigen Kontakte mit Johannes Brahms, der die
Sommerwochen im nahen Baden-Baden verlebte. Es war mehr als eine kollegiale Verbindung: es war eine ganz herzliche Freundschaft auf Grund gemeinsamer
künstlerischer Ansichten. Aber eigentlich war es ein Freundestrio, ergänzt durch den Graphiker und Fotografen Julius Allgeyer, der die
Zusammenkünfte in einigen Fotos festgehalten hat. In stetem Kontakt mit dem Komponisten brachte Levi in Karlsruhe viele Uraufführungen:
Schicksalslied, Altrhapsodie, Triumphlied, Liebesliederwalzer, Klavierquintett. Aus diesen Tagen stammt Levis Äußerung über Brahms,
geschrieben an Clara Schumann: "Solange solche Geister unter uns wandeln, wird der Materialismus der Zeit nicht die Oberhand gewinnen."
Es ist einer der tragischsten Momente in Levis Leben, dass diese tiefe menschliche Bindung eines Tages durch eine abrupte Reaktion von Brahms zerbrach.
Als Dirigent wirkte Levi auch in Baden-Baden, wo sich damals die vornehme Welt Europas traf. Hier verkehrte er in den Künstlerkreisen um Clara
Schumann, mit Pauline Viardot, Iwan Turgénjew und Anselm Feuerbach. In dieser Zeit entwickelte sich Levis Interesse für die klassizistische
Malerei der zweiten Jahrhunderthälfte. Seine bedeutende Sammlung der Gemälde von Feuerbach, Marées und Thoma hängt heute als
Vermächtnis aus Levis Nachlass in der Münchner Neuen Pinakothek. Noch in den Karlsruher Tagen hatte sich ein persönlicher Kontakt zu
Richard Wagner angebahnt, als Levi - übrigens fast zur gleichen Zeit wie das Deutsche Requiem von Brahms - hier eine vielbeachtete
Erstaufführung der Meistersinger dirigierte. Wagner begann sich für den jungen Kapellmeister zu interessieren, nachdem er gehört
hatte, dass die Karlsruher Meistersinger-Aufführung noch besser als die in Dresden gewesen sei. Anlässlich der Gründung des ersten
Richard-Wagner-Vereins in Mannheim lernte Levi Richard und Cosima Wagner persönlich kennen, was sein ganzes späteres Leben entscheidend
prägen sollte. Nach dem Festkonzert fuhr Levi im Zug mit Nietzsche und Ehepaar Wagner, die nach Basel reisten, bis Karlsruhe. Als Levi in Karlsruhe
ausstieg, wurde er von Wagner spontan zum Abschied geküsst. Bei der Weiterfahrt bemerkte Richard zu Cosima, er respektiere den Kapellmeister schon
deshalb, weil er nicht wie viele Juden seinen Namen in Löwe oder Lewin geändert habe, sondern sich, wie seine Vorfahren, Levi nenne. Dies war
vielleicht nur eine Verschleierung der Tatsache, dass er in dem jüdischen Dirigenten Levi einen exzeptionell befähigten, sensiblen Musiker entdeckt
hatte, was ihn später veranlasste, ihn als Bayreuther Dirigenten zu berufen. - Seit dem Mannheimer Treffen unterhielt Levi einen brieflichen Kontakt zu
Wagner. Vorerst tangierte dies nicht die Freundschaft mit Brahms. Denn dieser teilte mit Levi die Hochschätzung des Komponisten der Meistersinger.
Die Karlsruher Tätigkeit erfuhr einen historischen Einschnitt durch den deutsch-französischen Krieg 1870-71. Das Theater wurde geschlossen, und
Levi, der sich der Nationalen Aufbruchstimmung anschloss, stellte sich als Sanitäter an der Front zur Verfügung. Wie er in einem Tagebuch berichtet
hat, betreute er die schwer verwundeten Soldaten, darunter solche, denen die Beine abgerissen waren oder die das Augenlicht verloren hatten - eine tief
erschütternde Erfahrung für den sensiblen Musiker. Für die heimkehrenden badischen Regimenter dirigierte er eine Aufführung des
Deutschen Requiems von Brahms in der evangelischen Stadtkirche von Karlsruhe. Die Gründung des Deutschen Reiches feierte er mit der
Uraufführung des Triumphliedes von Brahms. Für uns heute ist es kaum mehr begreiflich, dass Levi und Clara Schumann nach Kriegsende
voller Glücksgefühle das wieder deutsch gewordene Straßburg besichtigten.
Im Jahr 1872 war Levi als Hofkapellmeister nach München verpflichtet worden. Sein Ruf als einer der besten jungen Dirigenten hatte sich rasch verbreitet.
Ein Angebot, nach Wien zu gehen, lehnte er ab. Dagegen boten sich ihm in München, wo kurz zuvor Hans von Bülow die Uraufführungen von
Tristan und Isolde und Die Meistersinger geleitet hatte, die denkbar günstigsten Möglichkeiten: die Bayerische Hofkapelle, mit ca. 80
Musikern das best geschulte deutsche Opernorchester, dazu ein vorzügliches, großes Sänger-Ensemble. Mit dem bayerischen König
Ludwig II. diente er einem Souverän, der bereit war, die höchstmöglichen Mittel für das Musikleben zur Verfügung zu stellen. Dank
dem ehrgeizigen Bemühen des Hofkapellmeisters Levi war das Münchner Hoftheater ab 1877 als erste deutsche Bühne in der Lage, sämtliche
Opern von Wagner im Repertoire zu halten. Selbst den Parsifal, der damals in keinem deutschen Theater außer Bayreuth gespielt werden durfte,
dirigierte Levi in München als Separatvorstellung für den König. Dies waren ungewöhnliche nächtliche Veranstaltungen zwischen
Mitternacht und vier Uhr morgens, bei denen außer dem im dunklen Zuschauerraum unsichtbaren König niemand zuhören durfte. Kein Mitglied
des Ensembles sträubte sich dagegen, zu nächtlicher Stunde nur für einen Zuhörer aufzutreten, war man sich doch bewusst, dass
niemand auf der Welt die Kunst so großzügig unterstützte wie dieser einsame nächtliche Theaterbesucher.
Als bayerischer Hofkapellmeister intensivierte sich Levis Kontakt zu Richard Wagner und seiner Familie in Bayreuth. Er war häufiger Gast im Haus
Wahnfried und lernte als einer der ersten die neuesten kompositorischen Entwürfe kennen. Er spielte mit den Kindern und diskutierte mit Cosima über
Fragen der Literatur und Kunst. Auch die Freundschaft mit Brahms pflegte er weiter. Dieser verbrachte jetzt Levi zuliebe seine Ferien nicht mehr in Baden-Baden,
sondern im nahen Tutzing. Man traf sich in München mit dem dortigen Freundeskreis; dazu zählten neben Levi, Allgeyer und dem Dichter Paul Heyse
auch der Kapellmeister Wüllner und der Komponist Rheinberger. In Levis Wohnung wurden die Streichquartette von Brahms erstmals ausprobiert. Man
diskutierte über die neuesten Opernproduktionen und natürlich über Wagner und die bevorstehende Uraufführung des gesamten
Ring des Nibelungen. Schon in Karlsruhe hatte Levi versucht, für Brahms Operntexte zu beschaffen. In München entwarf Heyse auf Levis
Betreiben Libretti für Brahms. Damit hoffte Levi, den Komponisten weiter an sich zu binden, indem er dessen Musik auch im Opernhaus dirigierte. Brahms
erwog ernstlich das Opernprojekt. Eines Abends brachte man in Heyses Haus bereits einen Toast auf den Opernkomponisten Brahms aus. Zwei Libretti von
Heyse hatte er zur Auswahl. Aber schließlich war Brahms klug genug, keine Oper zu schreiben, was er mit der Feststellung bekräftigte, genauso
wie auf die Ehe müsse er auch auf die Oper verzichten. Er war sich bewusst, dass er zwar als Sinfoniker, aber keineswegs als Bühnendramatiker
mit Wagner rivalisieren könne. Hier lag auch der Keim des Zerbrechens der Freundschaft mit Levi. Die lebhaften Dispute über künstlerische
Fragen kreisten letztlich immer um Wagner und Bayreuth und Levis Stellungnahme hierzu. Eines Morgens, nach einer heftigen nächtlichen Aussprache
in Levis Münchner Wohnung, verließ Brahms in der Morgenfrühe das Haus, ohne sich zu verabschieden. Der völlig konsternierte Levi
schickte folgende Zeilen hinterher:
"Nur das Eine möchte ich Dir zu bedenken geben, daß ich nun einmal mein Leben einer Sache geweiht habe, welche ich hoch halten muß.
[...] Mit Wandlungen hat das, meine ich, Nichts zu tun. [...] Wenn Du einmal jemanden brauchst, der für Dich in ein großes Wasser springen soll, so wende
Dich zu mir. Und übrigens geht es Dich gar nichts an, wenn ich Dich lieb habe."
Hierauf antwortete Brahms nicht, aber er vergab die Uraufführung seiner ersten Sinfonie nicht an Levi in München, sondern an dessen
Nachfolger Otto Dessoff in Karlsruhe.
Dies ereignete sich im Jahr der Eröffnung der Bayreuther Festspiele mit der Uraufführung des Ring, den Levi mit vorbereitet hatte. Im
Herbst kam Brahms nach München und dirigierte im Odeons-Konzert seine erste Sinfonie aus dem Manuskript. Es gab nur spärliche
Beifallsbezeugungen; die Presse urteilte kritisch, schien den säkularen Rang der Komposition nicht zu realisieren. Die alten Freunde Brahms und
Levi trafen sich in großer Gesellschaft, aber einer klärenden Aussprache gingen sie aus dem Wege. Zuviel Trennendes schien neuerdings
zwischen ihnen zu stehen. - Auch die späteren Aufführungen von Brahms-Sinfonien unter Levi fanden keine Publikumszustimmung. Das
wagnerbegeisterte München war in diesen Jahren kein Podium für Brahms. Anfang 1878 brach auch der briefliche Kontakt ab, die Freunde
trafen sich nie mehr. Levi äußerte Jahre später darüber:
"Ein Freund, dem ich alles verdanke, was ich bin und habe, hat sich von mir losgesagt. Dies ist die schmerzlichste Erfahrung meines ganzen Lebens."
Der sich immer enger gestaltende Kontakt mit Richard und Cosima Wagner und deren Kindern war kein Ersatz für den Verlust des Freundes Brahms.
Dieser hatte Levi voll und ganz - auch mit seinem Judentum - angenommen. Nicht so in Bayreuth. Hier wollte man einen anderen aus ihm machen: "Ungetauft
darf er den Parsifal nicht dirigieren", so äußerte sich Wagner zu Cosima. Doch als Levi unter dieser Bedingung auf den Parsifal
verzichten wollte, musste Wagner darauf verzichten, Levi zu taufen.
König Ludwig II. verhielt sich in diesem Punkt ganz eindeutig anders: seine Hofkapelle dürfe in Bayreuth nur unter ihrem festen Dirigenten
Levi spielen. - Im Übrigen wusste Wagner sehr genau, was er an Levi hatte, der wie kein anderer das Werk kannte und sich damit identifizierte.
Wie Hans von Bülow berichtete, konnte Levi schon im Juni 1879, als die Partitur noch nicht einmal abgeschlossen war, ihm größere
Abschnitte des Parsifal aus dem Kopf vorspielen.
Die Bayreuther Uraufführung des Parsifal war für Levi der absolute Höhepunkt seines dirigentischen Wirkens. In den Monaten
Juli/August 1882 blickte die ganze musikalische Welt auf Bayreuth. Alle deutschen Theater schickten ihre Repräsentanten, die europäische
Presse war vertreten. Hermann Levi, das von Wagner sogenannte Alter Ego stand am Pult des Festspielorchesters, um das krönende
Abschlusswerk aus der Taufe zu heben. - Man muss einmal im Graben des Festspielhauses gesessen sein oder im Zuschauerraum gelauscht haben,
um dieses Erlebnis begreifen zu können. Der Dirigent Felix von Weingartner hat dies als Zuhörer so beschrieben:
"Der Eindruck ist unvergleichlich. Erfindung, Instrumentation und Akustik wirken hier in einzigartiger und nirgends sonstwo möglicher
Weise zusammen. Wie hoch die Leistung Hermann Levis stand, konnten Zuhörer erst später beurteilen, da Levi nicht mehr dirigierte."
Jede Parsifal-Aufführung mit der hier dargestellten Suche nach Erlösung im Anblick des Grals war für Levi ein tief erschütterndes
religiöses Ereignis: das Abbild des eigenen Suchens nach Erlösung im christlichen Glauben. Obwohl er dem Schritt einer Konversion geistig
sehr nahe war, haben vielleicht Richard und Cosima Wagner selbst dazu beigetragen, dass es dazu nicht kam und sich Levi der Verpflichtung gegenüber
seinen levitischen Vorfahren bewusst wurde.
Doch dies verstärkte nur die maßlose Ergriffenheit beim Dirigieren des Bühnenweihfestspiels. Bei jeder Aufführung verausgabte er sich
derart, dass er am Ende der Festspiele erschöpft zusammenbrach. Zum Jahreswechsel 1882 bekannte er dem über alles verehrten Meister Wagner:
"Nur ein Ereignis hob sich von dem verschwommenen, nebelhaften Untergrunde meiner Vergangenheit mit herrlicher Deutlichkeit ab - das Erwachen und
das Wachsen und endlich das Vollgefühl meiner Liebe zu Ihnen und zu all dem, was Sie mir und der Welt bedeuten. Ich habe weiter keinen Besitz."
Wagner antwortete aus Venedig: "Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude."
Im Februar 1883 besuchte Levi den Komponisten noch einmal in Venedig. Da er erkrankte, nahm ihn Wagner im Palazzo Vendramin auf, wo ihn Richard
und Cosima täglich besuchten. Beim Abschied küsste Wagner seinen Parsifal-Dirigenten wiederholte Male sehr bewegt, als ob er ahnte, dass es
ein endgültiger Abschied sein sollte. 24 Stunden später starb er in den Armen von Cosima. Bei der Bayreuther Bestattung trug Levi Wagners Sarg
auf seiner Schulter. Die Verantwortung für den Parsifal lastete auf ihm bis ans Lebensende.
In den folgenden Jahren bildete Levi zusammen mit den Dirigenten Mottl und Richter ein Triumvirat zur Unterstützung Cosimas in der Leitung der
Festspiele. Sie nannte ihn den Major, denn er war der Älteste, Klügste und Überlegenste. Er wurde für sie der unersetzliche Helfer
in allen künstlerischen und organisatorischen Fragen. Jahr für Jahr leitete er die Parsifal-Aufführungen bis 1894. Nur in einem Jahr musste
er wegen Krankheit durch Felix Mottl vertreten werden. Als eine antisemitische Gruppe den jüdischen Dirigenten als untragbar für die angeblich
"christlichste aller Opern" erklärte, stand Cosima unerbittlich hinter ihrem Major und schützte ihn als den vom Meister Erkorenen.
Aber zugleich quälte sie ihn, indem sie ihn ständig auf seinen "Makel", die jüdische Herkunft hinwies. Als er angesichts
zunehmender Anfeindungen sich selbst von der Bayreuther Bürde befreien wollte, schrieb er ihr: "Meine Schultern sind zu schwach geworden
für das, was ich in Bayreuth, als auch was ich zu tragen und zu ertragen habe. Entlassen Sie mich der Enge!" - Hierauf antwortete
Cosima: "Wenn Ihre physischen Kräfte nicht ausreichen, so sollten Sie lieber mit mir in Bayreuth zugrunde gehen als woanders
leben." Sicher wäre Levi bereit gewesen, in Bayreuth "zugrunde zu gehen", aber soweit kam es nicht, denn bei den nächsten
Festspielen war er bereits im dirigentischen Ruhestand, als Bayerischer Hofkapellmeister pensioniert.
Auch in seiner Münchner Tätigkeit hatte sich Levi voll verausgabt. Das Opern-Repertoire bestand pro Saison aus mehr als
40 Stücken, von denen er einen großen Teil selbst dirigierte. Die herausragendsten Ereignisse der letzten Jahre waren: Die Wiedererweckung
der Opern von Peter Cornelius, Der Barbier von Bagdad und Der Cid, die Erstaufführungen von Verdis Othello
und Falstaff sowie der Trojaner von Berlioz. Gemeinsam mit dem Intendanten und Regisseur Possart begründete er den Mozart-Zyklus
im Residenztheater. Erstmals spielte man hier in Levis neuer Übersetzung die ungekürzten Fassungen und stellte die Rezitative wieder her.
Diese Münchner Mozart-Renaissance, von Richard Strauss als Levis Nachfolger übernommen, strahlte stilbildend auf das gesamte deutsche
Operntheater aus. Die positiven Auswirkungen dieser neuen Mozart-Auffassung spüren wir noch heute.
Levi reiste selten zu Gastdirigaten. Bei Anfragen pflegte er meist zu antworten, er sehe seine wichtigste Aufgabe darin, mit dem eigenen Ensemble
bestmögliche Aufführungen zu erzielen. Dennoch errang er bei seinen gelegentlichen Gastdirigaten in Paris, Madrid, London und Berlin sensationelle
Erfolge. Über seine Beethoven- und Wagner-Interpretationen in Paris erschien 1895 eine Publikation in französischer Sprache, Metronomie
Experimentale, worin Levis Wiedergaben mit Metronomzahlen als mustergültige Vorbilder hingestellt wurden. Als sich Hans von Bülow 1893
von der Leitung der Berliner Philharmoniker zurückzog, lud man die bekanntesten deutschen Dirigenten zu Gastspielen ein, darunter auch Levi. Nach
dessen Gastkonzert waren Orchester, Publikum und Presse der einmütigen Meinung, es gäbe nur einen würdigen Nachfolger für
Bülow als Dirigent der Berliner Philharmoniker: Hermann Levi. Doch dieser winkte ab, es war zu spät. Er stand vor der Pensionierung und wollte
sich von München nicht mehr trennen. Bülows Nachfolger wurde Richard Strauss.
Levis Kontakte zu Richard Strauss begannen schon, als dieser noch Schüler des Gymnasiums war, durch dessen Vater, Franz Strauss, dem
langjährigen Ersten Solohornisten der Bayerischen Hofkapelle. Da dieser ein verschworener Feind von Wagner war - dessen Hornstimmen
erklärte er für unspielbar, spielte sie aber so gut wie kein anderer -, gab es viele Spannungen zwischen ihm und dem Hofkapellmeister.
Dennoch zeigte Levi lebhaftes Interesse für den hochbegabten Sohn und führte im März 1881 die Jugendsinfonie des 16jährigen
in einem Abonnementskonzert auf. Richards Schwester erzählte, Levi habe den jungen Komponisten unter dem stürmischen Beifall des
Publikums aufs Podium geholt und ihn durch seinen ostentativen Beifall ausgezeichnet. Zwei Jahre später führte Levi die ihm gewidmete
Ouvertüre in c-Moll auf. - 1886 wurde Richard Strauss, der bei Bülow in Meiningen Dirigierpraxis erworben hatte, als 3. Kapellmeister an
die Münchner Hofoper engagiert. Dies war die wichtigste Lehrzeit für den Opern-Komponisten Strauss, der im Repertoire Opern wie
Der Wasserträger, Die beiden Schützen, Der schwarze Domino, aber auch Così fan tutte dirigierte.
Als sich Levi 1894 aus gesundheitlichen Gründen zurückziehen wollte, empfahl er dem Intendanten Possart den inzwischen in Weimar
tätigen Kapellmeister Strauss als seinen Vertreter und Nachfolger mit dem folgenden Satz: "Strauss hat einen unbeugsamen Charakter
und feste künstlerische Ziele." Das Einsetzen für Strauss erscheint umso bemerkenswerter, als Levi zugleich eingestehen musste,
dass er den kühnen Sinfonischen Dichtungen des Dreißigjährigen nicht mehr folgen könne. Strauss trat sein zweites Münchner
Engagement im Herbst 1894 an.
Als Dirigent der Akademie-Konzerte und der Wagner-Festaufführungen von Rienzi, Tannhäuser, Tristan und
Meistersinger trat er in Levis Fußstapfen. Den von Levi und Possart im Residenztheater begonnenen Mozart-Zyklus setzte er fort
mit Entführung, Don Giovanni und Così fan tutte, die beiden letzteren in Levis neuer Übersetzung. Die
Erneuerung des Mozart-Repertoires machte er zu seinem Anliegen. Nachdem er 1898 an die Hofoper Berlin verpflichtet worden war, pflegte er bei
seinen vielen Münchner Gastspielen diesen neuen Mozart-Stil. Levi überließ seine Mozart-Übersetzungen der Münchner
Oper ohne Gebühren. Die Tantiemen für die Aufführungen an anderen Theatern sollten an die Bayreuther Stipendien-Stiftung
fließen. Levis Mozart-Übersetzungen setzten sich an allen Opernhäusern durch, solange man Mozart in deutscher Sprache
aufführte. In der nationalsozialistischen Ära wurden die Levi-Fassungen verboten und durch die Neuausgabe von Schünemann
verdrängt, die aber alle guten Formulierungen Levis übernommen hatte.
Die Wege des Generalmusikdirektors Levi und die des ehrgeizigen Vertreters und Nachfolgers Strauss kreuzten sich vielfach im München
der neunziger Jahre. Sie waren äußerst verschieden in ihren Auffassungen. Strauss pflegte den von Bülow übernommenen
Rubato-Stil mit vielen Freiheiten und gelegentlich sehr ruhigen Tempi, Levi war dagegen strenger und bevorzugte die flüssigen Zeitmaße.
Beide liebten es nicht, viel zu theoretisieren. Jeder musizierte intensiv auf seine Weise. An freien Abenden spielten sie zusammen Skat. Levi fand
seinen Ruhesitz in Partenkirchen. Strauss fand 10 Jahre später ein Zuhause in Garmisch, das damals noch eine eigene Gemeinde war.
Levi war bis zu seinem 58. Lebensjahr Junggeselle geblieben. Kurz bevor der Dreiunddreißigjährige von Karlsruhe nach München
wechselte, hatte er sich für ein zauberhaftes junges Mädchen begeistert, das jedoch sehr früh an Schwindsucht starb. Danach konnte
er sich zu keiner festen Bindung entschließen. 1895 war der Kunsthistoriker Conrad Fiedler durch einen tragischen Unglücksfall gestorben.
Er und seine Frau Mary - Tochter des Direktors der Berliner Gemäldegalerie, Julius Meyer - waren mit Levi eng befreundet und
regelmäßige Besucher der Wagner-Aufführungen in München und Bayreuth. Nachdem Levi 1896 in den Ruhestand getreten
war, heiratete er die Witwe Mary Fiedler, die schon als junges Mädchen für ihn geschwärmt hatte. Mit dem großen Vermögen,
das ihr von Conrad Fiedler zugefallen war, konnte das Ehepaar Levi ein bebautes Grundstück am Riedberg in Partenkirchen erwerben. Auf den
Grundmauern eines abgerissenen Hauses ließen sie nach den Plänen des Bildhauers Adolf von Hildebrand eine schlossartige Villa
erbauen. An den Bürgermeister von Partenkirchen schrieb Levi: "Als Grundbesitzer werde ich immer bestrebt sein, das Interesse der
Gemeinde zu fördern."
Als er endlich im Sommer 1898 in die herrschaftliche Villa einziehen konnte - die Freunde nannten es "Hildebrands Schloß" - schrieb
er an Cosima Wagner, das Haus habe drei Fremdenzimmer: eines für Cosima, eines für die beiden Töchter Eva und Isolde und eines
für den Sohn Siegfried. Er betrachte die Villa nicht als sein Eigentum, bevor sie nicht durch Cosimas Besuch geweiht sei. Erst nach Levis Tod kam
sie erstmalig ins Haus. - Der Nachbar war der ehemalige Berliner Hofprediger Adolf Stöcker, der mit seinen judenfeindlichen Predigten im Berliner
Dom Aufsehen erregt hatte. Levi in seiner grenzenlosen Güte und toleranten Menschlichkeit hoffte auf interessante Gespräche mit Stöcker,
die aber nicht stattfanden. Einen freundschaftlichen Kontakt pflegten die Levis mit anderen Nachbarn, dem Schriftsteller Walter Siegfried und seiner Frau,
die sie im Salon von Paul Heyse in München kennen gelernt hatten. Die Ehepaare Siegfried und Levi spielten im Sommer Tennis auf dem Platz,
der im Garten des Hauses Riedberg angelegt worden war. An Winterabenden las man gemeinsam klassische Literatur. Levi, der von einem chronischen
Nierenleiden geplagt war, erlebte nur vier Partenkirchner Jahre. Auch ohne zu dirigieren war er hier außerordentlich produktiv, vollendete die Edition
der Mozart-Opern und gab Novellen und Märchen von Goethe heraus. Er verfasste den bereits erwähnten Goethe-Kalender, während
ein ebensolcher Schiller-Kalender Manuskript blieb. Mozart, Goethe und Schiller erfüllten die Partenkirchner Mußestunden. Die Gemeinde
verlieh, wie es in einem Magistratsbeschluss des Marktes Partenkirchen vom 12. Juli 1898 formuliert ist, "dem Generalmusikdirektor Hermann
Levi aus München, hier wohnhaft, das Ehrenbürgerrecht". Anfang April 1900 musste sich Levi mit einer schweren Nierenstörung
zu Bett legen. Bewundernswürdig gefasst sah er mit voller Klarheit dem Ende entgegen. An einem der letzten Tage sagte er zu seiner Frau, sie
könne beruhigt sein, er werde anständig sterben, dafür habe er Wagner und Schopenhauer genug gelesen. Am 13. Mai schlief er
sanft ein. Der Freund Hildebrand, der die Totenmaske abnahm, berichtete: "Sein Kopf sah herrlich aus, ein verklärtes Christusbild." -
Schon der Maler Franz von Lenbach, ebenfalls ein enger Freund, hatte ein Porträt Levis als Vorbild für den Kopf Johannes des Täufers
genommen.
Der musizierende und dirigierende Hermann Levi hatte die Aura eines alttestamentlichen Propheten. Er überzeugte nicht durch heftige und
ausladende Bewegungen, sondern vielmehr durch eine intensive menschliche Ausstrahlung. Der Intendant Possart hat den Dirigenten Levi
folgendermaßen beschrieben:
"In vollkommener Beherrschung seiner Aufgabe, die sich auch in der ruhigen Körperhaltung äußerte, verstand er es, allen
Mitwirkenden ein gut Teil von dem Feuer der Begeisterung abzugeben, die der eigentliche Kern seines Wesens als Musiker war. Mit dem kurzen
Emporrecken seines geistreichen Kopfes, einem Blitz des ausdruckvollen Auges befeuerte er die Sänger auf der Bühne, und der lebhaft
wechselnde Ausdruck seines Gesichtes sprach beredter zu den Musikern, als es die pomphafte Geste eines landläufigen Kapellmeisters je
vermochte."
Levi war neben Hans von Bülow der erste Dirigent moderner Prägung. Sein Karlsruher Intendant Eduard Devrient hob hervor, dass er
schon bei seiner ersten Orchesterprobe nicht wie seine Vorgänger meist durchgespielt, sondern im Detail probiert, viel unterbrochen und
korrigiert habe. Er habe nicht nachgegeben, bis er seine musikalische Vorstellung verwirklicht hatte. Ein Münchner Kritiker beschrieb mit Bezug auf
Levi, was man damals von einem leitenden Kapellmeister erwartete:
"Daß er eine allgemein menschlich bedeutende Natur sei; daß er nicht bloß exakte Einsätze gebe, sondern daß er
die Fäden des Dramas in der Hand halte."
Mit seiner eminenten geistigen Übersicht hielt Levi die Fäden des musikalischen Dramas in der Hand, indem er den Kern der Komposition
erfasste und mit suggestiver Kraft auf Sänger und Instrumentalisten übertrug. Diese eminente Fähigkeit künstlerischer Suggestion
beobachtete der Kollege Heinrich Porges anlässlich der Erstaufführung der 7. Sinfonie von Anton Bruckner und beschrieb es so:
"Es war, als wenn ein magnetischer Strom der Begeisterung vom Dirigenten zu den Spielern und von diesen zu den Hörern sich fortgeleitet
hätte." Im Nachruf von Houston Stewart Chamberlain findet sich der Satz: "Levi gehörte zu jenen Naturen, die im Geben kein
Maß kennen [...]." Maßlos hatte sich Levi verausgabt, zuerst für Brahms, dann für Wagner.
Mit glühender Begeisterung verehrte er den Gründer des Deutschen Reiches, den Fürsten Otto von Bismarck. Die Straße, in der
er in Karlsruhe wohnte, wurde auf sein Betreiben in "Bismarck-Straße" neu benannt. Zum 80. Geburtstag Bismarcks fuhr er am 1. April
1894 mit Lenbach nach Hamburg, um dem greisen Exkanzler auf dem Gut Friedrichsruh zu gratulieren. Als Bismarck nach München kam, zählte
Levi zu seinen Ehrengästen.
Neben der Dirigententätigkeit kümmerte sich Levi um die künstlerischen Dispositionen des Theaters, den Spielplan und die
Sängerbesetzungen. Er schrieb unzählige Beurteilungen von eingereichten neuen Opern. Die Arbeiten der heutigen Dramaturgen verrichtete
der Hofkapellmeister. Wenn er gebraucht wurde, stand er stets zur Verfügung, betreute die Musiker mit ihren Sorgen und beriet die Sänger in
ihren stimmlichen Problemen. Mit dieser Auffassung von seiner Position könnte er ein gutes Vorbild für heutige Chefdirigenten sein.
Erinnern wir uns zum Abschluss an das Motto, das ich über Hermann Levis Leben gestellt habe:
"Wer gelitten hat, hat das Recht frei zu sein."
Levi hat in den späten Jahren unendlich gelitten unter dem neu aufkommenden Antisemitismus, unter bösen Verunglimpfungen und
gemeinen Verleumdungen. Dass man ihm, einem der fundiertesten Goethe-Kenner, dem kompetenten Wagner-Dirigenten, dem kongenialen
Mozart-Übersetzer den Zugang zur deutschen Kultur absprechen wollte, konnte er nicht begreifen. Aber er ließ seine Gegner und seine
Verleumder keine Verachtung spüren, sondern suchte das Gespräch und den Kontakt, um die Barrieren abzubauen. Darin
äußerte sich seine wunderbare menschliche Freiheit. Es war die Freiheit aus einer metaphysischen Orientierung. Sie gestattete ihm, an
das Gute in jedem Menschen zu glauben. Da es ihm erspart blieb, die Epoche des Holocaust zu erleben, wurde sein Glaube an das Gute im
Menschen nicht enttäuscht.
Von seinen eigenen Kompositionen sind nur wenige Frühwerke erhalten, von seinen Konzerten und Opernaufführungen gibt es keine
Tonaufzeichnungen. Aber wir kennen die selbstlos uneitle Haltung des Dirigenten Levi, der fähig war, das eigene Ich zurückzunehmen und
sich in den Dienst Größerer zu stellen. Wir bewundern das Lebensbeispiel dieses außergewöhnlichen Menschen, der in dieser
prächtigen Landschaft im Angesicht der Berge seine geistige Freiheit wiederfand und sie genießen durfte. Sehen wir im Leben und Wirken
von Hermann Levi das Beispiel eines bedeutenden Künstlers und großen Menschen, ein Beispiel, das Mut macht für die Gegenwart
und auf eine gute Zukunft hoffen lässt.